Flexible Bildung

Kinder sind die Zukunft – behandeln wir sie auch so! Welches Wissen braucht unsere Gesellschaft wirklich? Welche Kompetenzen brauchen Schüler*innen, um ihnen ein gesundes und glückliches Leben zu ermöglichen? Wie kann die systemische Rahmenstruktur aussehen, damit kein Kind durchs Raster fällt und jedes genau die Bildung erhält, die es benötigt?

  • Was ist das Problem?
  • Was ist eigentlich wirklich wichtig zu lernen?
  • Die neuen Abschlüsse
  • Wie gelingt diese Flexibilität?
  • Wie könnte das in der Praxis aussehen?

Dass unser staatliches Schulsystem in Deutschland überholt ist, ist längst kein Geheimnis mehr. Und damit ist nicht nur der bauliche Zustand vieler Schulen gemeint. Der Lernstoff scheint nicht zu den Anforderungen des Lebens zu passen. Der Zusammenhang zwischen dem Lernstoff und der Bedeutung für das eigene Leben wird vielen Schüler*innen oft nicht klar und kann schnell zu Frust und Desinteresse führen. Die strukturelle Starre des Systems erlaubt es in vielen Fällen nicht, auf Kinder die langsamer oder schneller sind angemessen einzugehen. Stress und außerschulische Reizüberflutung, z.B. durch digitale Medien, bedürfen immer häufiger pädagogischer, therapeutischer oder sogar medizinischer Unterstützung. Viele Kinder und Jugendliche können nicht ausreichend aufgefangen werden. Überlastung bei allen Beteiligten und erschwerte gesellschaftliche Anschlussfähigkeit der Heranwachsenden sind häufig geworden.

Privatschulen versuchen die bessere Option zu den staatlichen Schulen zu sein. Für einen Teil der Kinder ist das vielleicht auch so. Aber vor allem durch die oft angewandten Selektierungsprozesse verschärfen sich die Probleme an den staatlichen Schulen. Auch wenn hier und da versucht wird an Privatschulen Plätze für Kinder aus finanziell schwachen Familien zu ermöglichen, so sind doch vorrangig Kinder aus finanziell besser gestellten Familien an Privatschulen vertreten. Die persönliche Vorsprache der Kinder (und/ oder Eltern) vor der Aufnahme in die jeweilige Schule, um zu überprüfen, ob deren Sozialverhalten zur Aufnahme berechtigt, ist ebenso eine häufige Praxis, die eine Konzentration von Schülern mit höherem Unterstützungsbedarf an staatlichen Schulen fördert.


Daher ist es besonders wichtig, dass die staatlichen Schulen ein Bildungsangebot unterbreiten können, das den Aufgaben gewachsen ist und das private Schulen überflüssig macht, weil staatliche Schulen nun wieder eine mindestens gleichwertige Lernlandschaft bieten können.
Auf staatlicher Ebene ist es möglich, eine gänzlich neue Logik in das Bildungswesen einzuführen, welche Lernen zur Freude werden lässt, bei der junge Heranwachsende ihren persönlich besten Weg finden und sich gut in die Gesellschaft integriert fühlen können.
Für alle beteiligten Schüler*innen, Eltern, Lehrer*innen, Unternehmen und Einrichtungen, die die Schulabgänger*innen weiterbilden, als auch die Gesellschaft insgesamt, soll es eine spürbare Verbesserung und damit Entlastung darstellen.

Diese Frage wird meist hochemotional diskutiert. Fast jedem von uns fallen sofort Dinge ein, die in der Schule unterrepräsentiert sind und unbedingt in den Lehrplan mit aufgenommen werden sollten. Dem einen fehlen wirtschaftliche Inhalte, der anderen spezielle finanzielle Kenntnisse und wieder andere fordern mehr Problemlösekompetenz. Alles hat irgendwie seine Daseinsberechtigung. Aber wie sollen wir den Wünschen nachkommen, ohne den Nachwuchs dabei komplett zu überfrachten?

Der Vorschlag hier lautet: All den Lernstoff, der bereits in der Schule gelehrt wird und all die Vorschläge und Wünsche dazu, was eigentlich in den Lehrplan gehöre, sachlich und fundiert auf Relevanz zu prüfen. Das klingt zwar erstmal sehr naheliegend und logisch, wird aber dennoch derzeit nicht in dieser Art gehandhabt.
Die Relevanzprüfung für den Schulstoff stellt sich dabei folgende Fragen:

  • 1. Wie hoch ist die statistische Wahrscheinlichkeit, dass ein konkret zu prüfendes Wissen im Laufe eines Lebens gebraucht wird, bzw. für die Gesellschaft oder die Natur von Nutzen ist?
  • 2. Hat dieses Wissen (es zu haben oder nicht zu haben) positive oder negative Auswirkungen auf die Gesundheit der Lernenden, der Gesellschaft oder der Natur?

Als Ergebnis dieser Prüfung wird ein Relevanzwert (RW) ermittelt. Je höher RW, desto wichtiger und besser ist es für Individuum, Gesellschaft und Umwelt, dass dieses Wissen in den Lehrplan aufgenommen wird.

Anschließend schaut man, wie viel der höchsten Relevanzwerte bis ca. zum 12./13. Lebensjahr gut vermittelt und verinnerlicht werden können. Dieser Teil ist das Pflicht-Basiswissen. Das könnten vielleicht die höchsten 30% der gemessenen Relevanzwerte sein. Also die Top 30% des potentiell zu erwebenden Wissens werden dann bis ca. zum 12./13. Lebensjahr als Pflichtteil vermittelt. Wenn dieses Grundwissen erlangt wurde, kann sich im Anschluss eine Orientierungsphase mit Folgewissen aus den nächsten bspw. 40% des relevanten Wissens anschließen.

Denkbare Relevanzbereiche von Lernstoff

Bei diesem Folgewissen geht es nicht darum alles aus dem Spektrum der nächsten angenommenen 40% zu lernen, sondern Schwerpunkte zu finden, die einem gut liegen, die Selbstwirksamkeit und damit auch den Selbstwert zu stärken und den Lernenden eine Perspektive schaffen, die ihrem Leben Sinn und Orientierung schenkt.
In dieser Phase werden die Schüler*innen auf ihre anschließende Ausbildung oder ein Studium individuell vorbereitet und können verschiedene Lernbereiche ausprobieren und vertiefen. Sie sollen eigene Interessen entwickeln und testen können. Gern in Zusammenarbeit mit Unternehmen oder sonstigen fachkundigen Personen.
Die Lernenden benötigen nach dem Basiswissen nur noch das Wissen, was sie persönlich für ihren Lebensweg als wesentlich erachten. Also nicht mehr: “Jeder lernt aus allen Fachbereichen vorsorglich alles.”, sondern aus den Themen, die mensch statistisch gar nicht so häufig braucht, können die Schüler*innen ihre Spezialisierung finden.
Wer möchte, kann nach dem aufbauenden Wissen möglicherweise noch tiefergehenderes Fachwissen erwerben, indem er oder sie sich zusätzliches Expertenwissen aus dem Relevanzbereich “Fortschritt” aneignet, welches sich aus den übrigen (den niedrigsten) 30% der Relevanzwerte ergibt.

Die Ermittlung der Relevanzwerte kann in einer speziellen Kommission innerhalb des Bildungsministeriums stattfinden oder – innerhalb dieses 1Erde-Konzeptes – in einem Statistischen Lobbyforum für Schule (Siehe Statistische Lobby-Foren). Der Vorteil eines Statistischen Schullobbyforums wäre, dass auch alle anderen Probleme, die im Schulwesen auftreten hier direkt gesammelt, gewichtet und aufbereitet werden können. Es wäre eine einzige Anlaufstelle, die für alle Beteiligten transparent die Entscheidungsgrundlagen aufbereitet und damit auch sachliche Diskussionswege eröffnet.

Was würde wahrscheinlich das neue Basiswissen werden?

Wenn wir uns vorstellen, welche von den Kenntnissen und Fertigkeiten, die wir selbst in der Schule gelernt haben, ein jeder von uns in seinem Leben tatsächlich braucht, dann fallen uns wohl zunächst die Klassiker wie Lesen, Schreiben und Rechnen ein. Aber selbst dabei stellt sich schon die Frage, wie weit diese Bereiche vertieft werden sollten. Nehmen wir z. B. das Lesen: Wenn Schüler*innen Bücher von Dichtern wie Goethe, Schiller oder Shakespeare lesen, welcher Teil davon hilft ihnen im Leben oder uns als Gesellschaft tatsächlich weiter? Geht es darum, dass man sie einfach kennen sollte, weil ihre Werke viele Menschen berührt und beeinflusst haben? Dann stellt sich weiterhin die Frage: Was würde passieren, wenn diese Werke in der Schule nicht mehr gelesen werden würden? An welchen Stellen im Leben würden die Erwachsenen später Schwierigkeiten im Leben bekommen und wie ernsthaft wären diese? Vielleicht könnte man die Ausdrucksweise in einem historischen Romeo-und-Julia-Film nicht gleich einorden. Oder geht es vielleicht nur darum zu verstehen, dass Shakespeare ein bedeutender Schriftsteller war, um zu erkennen, wenn man ein bedeutendes historisches Werk vor sich hat? Für wie viel Menschen ist es wirklich wichtig dies zu wissen? Reicht es vielleicht auch aus darüber zu sprechen und den Namen lediglich gehört zu haben? Lernen wir Shakespeare nur aus einem “das macht man eben so” heraus, oder bringt es uns tatsächlich einen Mehrwert? Vielleicht werden durch andere Sprachstile bestimmte kognitive Fähigkeiten trainiert, die relevant sind? In dem Fall wäre das Training dieser Fähigkeiten das Ziel, und könnte über jedes beliebige Mittel erfüllt werden, das diese kognitiven Fähigkeiten ebenso trainiert. Der Relevanzwert wird in jedem Fall angeben, wie wichtig es am Ende wirklich ist, bestimmte historische Werke oder Dichter zu lesen.

Höchst wahrscheinlich wird man mit der Zeit feststellen, dass es vielmehr Kompetenzen sind und lebenspraktisches Wissen ist, das jeder Schüler und jede Schülerin als Pflichtbasiswissen braucht, um stabil durchs Leben gehen zu können. Jeder Mensch wird im Laufe seines Lebens vor Herausforderungen stehen, für die er bspw. eine Problemlösekompetenz benötigt. Außerdem die Fähigkeit sich selbst zu reflektieren, um eigene Fehler erkennen und aus ihnen lernen zu können. An Wissen würde man neben den Grundfähigkeiten zu lesen, zu schreiben und zu rechnen, wohl ein Grundverständnis davon benötigen, wie man sich erfolgreich in der eigenen Gesellschaft zurechtfindet. Das könnte sowohl den Umgang mit Geld, als auch Ämtern, Behörden etc. beinhalten. Außerdem ist es für jeden Einzelnen und am Ende auch für die Gesellschaft insgesamt sehr wertvoll, wenn Kinder bereits lernen, wie man stabile Freundschaften aufbaut und hält und wie der Lebensstil die eigene Gesundheit beeinflusst. Bei vielen persönlichen Kompetenzen kann man mit der Vermittlung bereits spielerisch im Kindergartenalter beginnen.

Wenn sich die Lernenden mehr auf das konzentrieren, was sie selbst im Leben brauchen und demnach jede*r Schüler*in am Ende der Schulzeit einen etwas anderen Wissensstand zu ihren Mitschüler*innen entwickelt, greifen die herkömmlichen Abschlüsse nicht mehr, bei denen jeder unabhängig vom Nutzen alles lernt. Für individuelle Abschlüsse braucht es ein neues System, mit dem die Schüler*innen bewertet werden können.

Bisher ist es so, dass der Wissensstand, der in einem Jahr gelernt wurde, nur bis zum Ende eines Schuljahres Bestand hat. Sprich, dass Noten zu Beginn eines neuen Schuljahres gelöscht werden und die Schüler dann wieder von vorn anfangen. Als hätte das Wissen vom letzten Jahr nichts mehr mit dem neu zu lernenden Wissen in diesem Jahr zu tun.

Viel wichtiger wäre es jedoch, wenn sich die Lernenden ihr Wissen aufbauen könnten. Wenn sie sehen, dass sie von Jahr zu Jahr mehr dazu gelernt haben. Dass sie einen Fortschritt in ihrer Entwicklung sehen, der ihrem tatsächlichen Wissenstand entspricht.
Das könnte zum Beispiel möglich sein, indem man Kompetenzen, Wissen und Fertigkeiten in Skalen abbildet. Vergleichbar mit einem Ladebalken, der sich mit jedem erworbenen Wissen weiter füllt. Statt einer immer neuen Zahl am Schuljahresende, erweitert sich der Füllstand mit jeder erworbenen Kompetenz kontinuierlich über das Jahr und die Jahre weiter. Zu sehen, dass man immer mehr kann und weiß ist für die Lernenden viel motivierender als lose aneinandergereihte Jahre zu absolvieren, die gefühlt kaum etwas miteinander geschweigedenn mit dem eigenen Leben zu tun haben.
Die Lade- bzw. Wissensbalken könnten die Farbe des aktuellen Kompetenzbereiches erhalten, in dem man sich in einem Fach gerade befindet und innerhalb dieses Bereichs mit dem jeweiligen Wissensstand gefüllt sein. Das könnte zum Beispiel wie folgt aussehen:

Dabei könnten, insbesondere während eines laufenden Schuljahres, die einzelnen Lernthemen und deren jeweiliger Fortschritt digital einsehbar sein und zum Ende des Schuljahres als ganze Fächer zusammengefasst werden.

Um nun am Ende den Schüler*innen mit unterschiedlichen Wissensständen einen guten, gezielten und stabilen Übergang ins Ausbildungs- oder Studienverhältnis zu ermöglichen, sind die Zugangsvoraussetzungen zu den Ausbildungs- und Studieneinrichtungen systemisch zu ändern. Nicht ein Nummerus Clausus oder ein pauschaler Schulabschluss entscheidet dann, ob man irgendwo zugelassen wird oder nicht. Sondern die tatsächlichen Kenntnisse und Fertigkeiten entscheiden, welcher Berufsweg einschlagen werden kann.

Dafür legt jeder Berufszweig allgemein gültige (bei Bedarf einzelne Arbeitgeber, Hochschulen etc. zusätzliche, ergänzende) Kompetenzen fest, die für einen bestimmten Beruf benötigt werden. Da nun die Zugangsvorraussetzung z.B. für ein Medizinstudium nicht mehr ein pauschaler Notendurchschnitt von sagen wir 1,4 ist, werden gezieltes Vorwissen und gezielte Fertigkeiten erwartet. Vielleicht möchte eine Universität unter anderem neben Lateinvorkenntnissen von mind. 30% Aufbauwissen außerdem noch mindestens 20% fortgeschnittene Kenntnisse in den Bereichen Biologie und Chemie sowie persönliche Qualifikationen wie Empathie und eine gute Ausdrucksweise nachgewiesen haben. Dafür verzichtet sie auf vertiefendes Wissen aus diversen Bereichen der höheren Mathematik. Die konkret erlernten Themenbereiche könnten bei Bedarf aufschlüsselbar sein. Eine andere Universität widerum besteht vielleicht auf einen Abschluss, der mit dem Abitur gleichgesetzt ist.

Das Abitur, genau wie der Real- und der Hauptschulabschluss können – insbesondere für den Übergang von dem einen in das andere Bewertungssystem – in allgemeingültige Fertigkeiten und Wissensstände übersetzt werden.

Wenn sich die Lernenden nun in ihrer Aufbau- /Orientierungsphase befinden, und sie stellen fest, dass eben der Beruf des Arztes bzw. der Ärztin etwas für sie wäre, dann können sie sich anschauen, welche Anforderungen speziell an diesen Beruf gestellt werden. Genau jene Anforderungen zu erreichen ist für die Schüler*innen dann das Ziel der schulischen Ausbildung.
Dafür müssen genauso Dinge gelernt werden, die einem nicht so gut liegen oder auch manchmal keinen Spaß machen. Aber mit einem eigenen Ziel vor Augen, werden die Lernenden eher bereit sein, Hürden zu überwinden und sich dieses Wissen anzueignen. Denn nun wissen sie wofür sie das tun: um sich den eigenen Berufswunsch zu erfüllen.

Da jeder nach seinen eigenen individuellen Interessen und Möglichkeiten einen Beruf wählen kann, ohne eine pauschale Hürde in Form eines allgemeingültigen Abschlusses erreichen zu müssen, kann auch jedes Kind für sich eine Perspektive für sein Leben entwickeln. Niemand muss mehr durch ein Raster fallen, weil er die Anfangshürde nicht geschafft hat. Jeder Mensch hat individuelle Fähigkeiten, die irgendwo gebraucht und geschätzt werden. Zu sehen, wie die eigenen Fähigkeiten immer weiter wachsen und zu wissen wofür sie das tun, wirkt unglaublich motivierend. Zu sehen, dass man etwas kann, was von Wert ist, unabhängig davon ob es sich um einfache, routinierte Aufgaben oder hochkomplexe Finanzmathematik handelt, gibt den Heranwachsenden einen individuellen Sinn im Leben.
Da sowieso jeder seinen eigenen Weg und sein eigenes Tempo findet, müssen Schulen nicht mehr nach Anspruch getrennt werden. Es braucht nicht mehr Gymnasien, Real-, Haupt- und sonstige Förderschulen, mit der Begründung die einen würden die anderen behindern. Nein, nun können sich Schüler*innen gegenseitig unterstützen und inspirieren. Es ist normal, dass der eine weiter ist als der andere, ohne dass dies systemischen Druck erzeugen würde. Und gleichzeitig kann es helfen sich gegenseitig zu motivieren. Lernen kann durch diese Art der Individualabschlüsse also doch wieder Spaß machen!

Damit die individuellen Abschlüsse gewinnbringend für alle Seiten sind, sind drei Dinge besonders wesentlich:

  1. Eine gute Begleitung der Lernenden
    Die Lehrenden geben in der Aufbauphase (in der des Folgewissens) nicht mehr den konkreten Lernstoff vor, sondern wirken vorrangig begleitend und unterstützend. Sie helfen bei der individuellen Entwicklung und dem Finden eines geeigneten Weges ins Erwachsenwerden und helfen die Fertigkeiten zu erlangen, um ein gutes, selbstständiges Leben führen zu können.
  2. Ein offenes Ende der Schulzeit
    Die Schüler*innen müssen nicht eine bestimmte Zeit in der Schule absitzen. Der eine hat möglichweise bereits mit 16 alle Kompetenzen erworben, die er für seinen Traumberuf braucht und kann damit zeitig ins Berufsleben starten. Eine andere war sich vielleicht eine Zeit lang unschlüssig, welcher Beruf es nun genau werden soll und hat dann nochmal etwas länger gebraucht, um die Kompetenzen zu erlangen. Dadurch verlässt sie die Schule vielleicht erst mit 20 Jahren. In jedem Fall geht es darum, einen sicheren Weg ins Berufsleben zu ermöglichen. Und dieser kann für jede und jeden etwas anders aussehen.
  3. Eine Rückkehr zur Schule ist möglich
    Hat bspw. ein Schüler mit 16 die Lehre zum Tischler angefangen und merkt nach einem Jahr, dass sie trotz aller Vorbereitung doch nicht seinen Vorstellungen entspricht, so kann er sich in der Schule erneut orientieren und eventuell fehlende Kompetenzen für eine Neuausrichtung erlernen. Dies sollte unabhängig vom Alter mindestens solang möglich sein, bis eine Ausbildung oder ein Studium abgeschlossen wurde. Da der Altersabstand zu den übrigen Schüler*innen mit der Zeit immer größer wird, ist davon auszugehen, dass ein eigenes Interesse daran besteht eine Ausbildung oder ein Studium alsbald abschließen zu können.

    [Gedankenexperiment: Vielleicht kann man sogar über eine lebenslang mögliche Rückkehr an die Schule nachdenken. An Stelle von Abendschulen lernen Erwachsene auch später im Leben noch an Schulen zusammen mit Jugendlichen ab der Aufbauphase für ihren individuell benötigten Schulabschluss. Das könnte Ressourcen bündeln und möglicherweise helfen Trennungen zwischen den Generationen abzubauen. Gegenseitig voneinander zu lernen wäre noch einfacher möglich.]

In jedem Fall dient Schule damit nicht länger als Ort, um einen bestimmten Schein zu erhalten und sich erst danach damit zu beschäftigen, was man im Leben eigentlich möchte, sondern als ein Ort der auf das reale Leben vorbereitet und die Lernenden ernsthaft und unabhängig von der Herkunft mit den Fähigkeiten ausstattet, ein gutes Leben führen und dabei einen wertvollen Beitrag für die Gesellschaft leisten zu können.

Gehen wir einen hypothetischen Werdegang der Zwillinge Marie und Marc durch:

Mit 3 Jahren besuchen sie den Kindergarten. Hier werden schon verschiedenste Kompetenzen spielerisch trainiert. Sie lernen sich selbst etwas zuzutrauen und auszuprobieren. Marie ist besonders wissbegierig, weshalb sie sich viele Kinderbücher erklären lässt. Andere Kinder interessieren sie nicht so sehr. Marc hingegen liebt es mit anderen Kindern auf Bäume zu klettern und die Welt aktiv zu erkunden. Sie werden von den Erzieher*innen in ihren Stärken gefördert. Aber genauso registrieren diese, dass Marc häufig sehr ungeduldig mit sich und den anderen Kindern ist, was häufig zu Konflikten zwischen den Kindern führt. Also wird er öfter in Spiele eingebunden, in denen Geduld spielerisch trainiert wird. Soweit unterscheidet sich das – je nach Kindergarten – nicht so viel von unseren Kindergärten heute.
Viel wichtiger, sowohl für die Kinder als auch die Eltern, ist die Unterstützung bei der Erziehung. Daher ist der Betreuungsschlüssel in den Kitas besonders hoch. Der Ansatz ist, dass die Kinder im jüngeren Alter gezielter und enger begleitet werden, damit der Betreuungsschlüssel bis zur Jugend schrittweise abnehmen kann. Jeder Erzieher und jede Erzieherin bekommt je 2 Bezugskinder, deren Entwicklung sie besonders intensiv unterstützen.
Es gibt außerdem jede Woche Freitag ein Thema, was in Form eines Workshops oder eines Vortrags für die Eltern von einer Erzieherin der Kita oder von einem Kooperationspartner aufbereitet wird. Manchmal kommt jemand von einem sozialen Träger und manchmal auch eine Person vom Jugendamt vorbei. Die Eltern können Themnvorschläge einbringen, die sie besonders bewegen. Die Eltern lernen hier auf freiwilliger Basis viel wichtiges darüber, wie sie ihre Kinder gut unterstützen und angemessen auf schwierige Situationen reagieren können.
Die Eltern der Zwillinge machen sich insbesondere Sorgen um Marie, da sie den Kontakt zu anderen Kindern so scheut. Einige Fragen können sie in Freitag-Workshops beantwortet bekommen. Einige stellen sie ihrer Bezugsbetreuerin, bei der sie alle 3 Monate einen fixen individuellen Termin haben. Außerdem erfahren sie, wie sie Marc dabei unterstützen können, in entscheidenden Momenten mehr Geduld aufzubringen.
Marcs bester Freund Maurice und seine Familie bekommen sogar frühzeitig weitergehende Unterstützung durch das Jugendamt. Seitdem dieses häufiger und früher präventiv unterstützt, fallen familiäre Probleme im Jugendalter meist schwächer aus und lassen sich einfacher korrigieren. Dadurch wird insgesamt weniger Personal benötigt. Auch ist die Jugendkriminalitätsrate deutlich gesunken.

Dies ist natürlich nicht ausschließlich auf das Jugendamt zurückzuführen. Die neue Art des Bildungswesens hat ihren entscheidenden Anteil.
Als die Zwillinge in die Schule kommen, haben sie schon einen guten Grundstock an Kompetenzen, die sie mitbringen. Dennoch haben sie sehr unterschiedliche Voraussetzungen. Während Marie schon ein wenig lesen kann, baut Marc gern kleine Häuschen aus Holz.
Nachdem ihr Lehrer sie zu Beginn des Schuljahres kennnenlernen durfte, bekommen sie ihre mitgebrachten Kompetenzen im entsprechenden Umfang gut geschrieben. Marie im Lesen und Marc im Handwerk. Auf ihren Lernlandkarten für dieses Jahr sehen sie welche Schritte sie schon geschafft haben und welche noch ausstehen. Marie kann in Deutsch schon vor Ende des Jahres mit der Deutsch-Lernlandkarte für das daruffolgende Jahr beginnen. Dafür kommt sie in Mathematik langsamer voran. Da Marc Mathe ganz gut liegt und er auch ein Fach haben möchte, in dem er noch vor Jahresende mit dem neuen Stoff beginnen kann, strengt er sich von nun an in Mathe besonders an. Und schon im nächsten Jahr kann auch er vorzeitig mit einer neuen Lernlandkarte in Mathe beginnen. Für die Kinder ist dabei jederzeit klar, dass nicht jeder überall gleich weit sein kann. Schließlich hat jeder sein eigenes Lerntempo und seine eigenen Stärken und das ist in Ordnung.

Als sich die Zwillinge dem Ende ihres Pflichtstoffs nähern, sind sie 12 Jahre alt. In einigen Fachbereichen haben sie schon den gesamten Pflichtstoff erfolgreich gesammelt, in anderen fehlt er noch.
Wie zu erwarten hat Marie ihre Kompetenzen im Bereich Deutsch zuerst vollständig beisammen. Marc hingegen entdeckt seine Vorliebe für Physik und hat hier zusammen mit dem Bereich Handwerk sein Basiswissen vollständig. Während sie die übrigen Pflichtbereiche noch in ihrem Tempo fertig auffüllen können, können sie sich in den bereits vollständigen Themenbereichen nun mit dem Folgewissen beschäftigen. Dabei wird die Reihenfolge und auch die Auswahl der behandelten Themen durch die Jugendlichen selbst festgelegt. Es gibt außerdem Firmenworkshops, die sie nun dazu besuchen dürfen.

Marc beschäftigt sich tiefer mit Themen der Mechanik und besucht Mechatronikerkurse eines nahegelegenen Industriebetriebs. Die Arbeit damit macht ihm auf Anhieb Spaß. Sobald er zu einem Thema etwas gelernt hat, möchte er gleich zum nächsten etwas wissen. Er probiert verschiedenes aus, sammelt Kompetenzen und Wissen und entscheidet schließlich für sich, dass er Mechatroniker werden möchte. Seine Physiklehrerin hilft ihm dabei, seinen Lernweg dahin aufzustellen. Die Industrie- und Handelskammer hat ein Kompetenzportfolio erstellt, welches man benötigt, um zu dieser Ausbildung zugelassen zu werden. Danach – und nach evtl. noch offenen Themen aus dem Pflichtbereich – richtet sich nun seine weitere Lernlandkarte. Pünktlich zu seinem 16. Geburtstag hat er alle notwendigen Kompetenzen erworben. Es ist noch Mitte des Schuljahres und er möchte sich unbedingt bei einem Unternehmen bewerben, bei dem er einige Kurse in der Schule besucht hat. Da konnte er schon den Ausbilder kennenlernen und würde sich wahnsinnig freuen, von ihm lernen zu dürfen. Dabei stellt er fest, dass dieses Unternehmen noch bestimmte zusätzliche Programmierkenntnisse als Voraussetzung hat und nutzt das übrige Schuljahr, um sich ganz diesem Thema zu widmen. Bei einigen anderen Unternehmen ohne Zusatzvoraussetzung bewirbt er sich dennoch. Aber er hat Glück und wird bei seinem Unternehmensfavorit als Auszubildender für Mechatronik angenommen.

Für Marie war der Weg nicht ganz so geradlinig. Sie hat verschiedenste Sachen ausprobiert und konnte sich nicht so recht entscheiden. Sie schreibt und liest gern. Sie mag es Dinge zu strukturieren und zu ordnen. Auch organisieren kann sie gut. Vielleicht könnte sie auch anderen Wissen beibringen? Nur fühlt sie sich unter vielen Menschen nicht so wohl.
Sie lernt zunächst Dinge, die ihr Spaß machen und schaut dann, welche Berufe mit diesen Kompetenzen in Frage kommen. Mit 16 beginnt sie zunächst eine Ausbildung als Verwaltungsfachangestellte. Hierfür hatte sie alle notwendigen Kompetenzen zusammen, muss aber bald feststellen, dass sie doch gern räumlich etwas flexibler wäre. Mitten im Ausbildungs- und damit auch Schuljahr, wechselt sie an die Schule zurück, um sich neu zu orientieren. Vielleicht sollte sie sich doch mehr auf das Schreiben konzentrieren? Einige Schreibwerkstätten hatte sie ja schon besucht, die ihr auch immer Spaß gemacht hatten. Gemeinsam mit ihrer Deutschlehrerin sucht sie dann gezielt nach Berufen, die mit dem Schreiben zu tun haben. Einige Firmenworkshops später ist sie sich dann sicher, dass sie Journalistin werden möchte. Hier kann sie je nach Themenschwerpunkt selbst entscheiden, wie viele Menschen sie dauerhaft um sich hat und sich gleichzeitig für Themen einsetzen, die sie besonders interessieren. Ein paar Kompetenzen muss sie vor Studienbeginn dafür noch erwerben.
Als sie diese beisammen hat, hat sie noch ein wenig Zeit, in der sie sich erholt, aber auch noch ein paar Kompetenzen im Bereich Kunstgeschichte sammelt. Einfach nur, weil sie diesen Bereich im Studium evtl. vertiefen möchte.

Am Ende ihrer Schulzeit fühlen sich sowohl Marie wie auch zuvor schon Marc gut vorbereitet auf ihre Studien- bzw. Ausbildungszeit. Da sie aber außerdem gut auf lebenspraktische Dinge vorbereitet wurden, ziehen die beiden bald zusammen in eine WG mit Freunden, entwerfen einen Haushaltsfinanzplan und können sich im Ämter- und Behördendschungel schnell, gut und ohne die Hilfe der Eltern zurechtfinden.

Sie freuen sich auf die Jahre, die vor ihnen liegen…

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